2. Unsere Gehirne denken und entscheiden viel einfacher

Aus der Serie: Warum wir unser Denken begreifen müssen

Mediale Informationsfluten schädigen unsere Entscheidungsfähigkeit immer bedrohlicher. Deshalb benötigen wir dringend Einsichten über unsere Denkweise. Leider konnten uns Gehirnwissenschaftler bisher nicht helfen. Doch das Oszillator-prinzip offenbart alle nötigen Gehirnfunktionen einfach und erlebnisnah. > Zur Kurzfassung

Erst wenn wir alle unsere Gehirnregungen ebenso treffend deuten können wie Puls oder Blutdruck, bestehen berechtigte Hoffnungen darauf, Erfolgsgerechtigkeit und Chancengleichheit zu erreichen.

Um praxisnah die Gehirnfunktionen zu verstehen, benötigen wir eigentlich nur den Mechanismus von Entscheidungen. Denn er bildet den Schlüsselprozess für alle folgenden motorischen Handlungen wie laufen, greifen, sprechen sowie viele mehr.

Auch brauchen wir keine Detailkenntnisse über das Gehirn. Die wenigen notwendigen Fachbausteine sind funktionsgerecht auch hinter den blauen Links erläutert. Im Vordergrund stehen ohnehin nur zwei bisher von der Neuroforschung vernachlässigte, spürbare Gehirneigenschaften, deren Symbiose das Wesen unseres Denkens offenbart.

Alles was ähnlich ist

Zunächst das Ähnlichkeitsprinzip: All unsere Gedanken in einem Denkzirkel folgen diesem Prinzip. Schon ein einsames Buchenblatt auf dem Fußweg kann uns gedanklich zu Zweigen, Ästen oder gar zu ganzen Wäldern sowie den Erlebnissen darin führen. Diese Ähnlichkeiten erfassen jedoch nicht nur Formen, Farben, Töne und Bewegungen, sondern auch Ereignisse, Charaktere, Attraktivitäten usw. 

Erinnerungsaufruf aller Informationen für die angezeigten Orte
Erinnerungsaufruf aller Informationen für die angezeigten Orte

Der Wegweiser auf dem Bild zum Beispiel ruft die prägnantesten Informationen für alle angezeigten Orte als Erinnerung auf.

Und dies ist kein Zufall. Denn Erinnerungen ruhen im Gehirn als Oszillatorgebilde. Einzeln bestehend aus tausenden von feuerbereiten Neuronen (Nervenzellen im Gehirn). – Jedes der fast 100 Milliarden Neuronen im Gehirn produziert oft mehr als 50 Mal in einer Sekunde immer wieder nur ein Ereignis. Nämlich einen winzigen Stromstoß (Spike, Aktionspotential). Ein Feuer, das sich als elektrischer Impuls im Nervengeflecht des Gehirns ausbreitet und vervielfacht, um andere Neuronen ebenfalls feuern zu lassen. Oszillatorgebilde selbst bestehen aus virtuellen Schaltkreisen, die ganze Neuronenhaufen zu Dauerfeuer, veranlassen können.

Doch dazu braucht jedes Oszillatorgebilde eine Anregung, einen Feuerstoß aus elektrischen Impulsen, der seiner eigenen Konstruktion ähnelt. Erst dann zündet es. Alle zugehörigen Neuronen beginnen schnell zu feuern. Das Oszillatorgebilde schwingt und verbreitet mit Millionen rhythmischen Impulsen seine einzigartige Botschaft − seine Erinnerung.

Das Impulsfeuer zur Zündung von Oszillatorgebilden (Oszillatoren) stammt meist aus den Sinneszentren. Ursprünglich hervorgerufen von den sensorischen Zellen unserer Sinne, mit denen wir sehen, hören, riechen, schmecken oder fühlen. Jede Sekunde überschwemmen Milliarden dieser untereinander rhythmisch verbundenen Impulse das Gehirn. Sie treffen jedes der Millionen Oszillatorgebilde mit einem Teil ihrer Feuerkraft. Doch nur jene, deren Erinnerungsgehalt diesem Neuronenfeuer irgendwie ähnelt, zünden und beginnen zu schwingen.

Jeder so angeregte Oszillator erzeugt wiederum selbst ähnliches Impulsfeuer und zündet damit weitere, auch wieder ähnliche Erinnerungen. Ein Hund im Blickfeld erzeugt so in weniger als einer Sekunde 10, 20 oder gar 100 schwingende Oszillatorgebilde (Oszillatoren). All diese hundeähnlichen Erinnerungen bleiben zunächst im Unterbewusstsein. Ins Bewusstsein, also für uns schemenhaft erkennbar, gelangt nur jener Gedankeninhalt, dessen Oszillator stark genug feuert. Die Feuerkraft wiederum wird von Emotionen beschleunigt. − Psychologen nennen die so aufgerufenen ähnlichen Gedanken »Assoziationen«.

Eine Erinnerung verstärkt sich mit jeder Zündung und verkümmert, wenn sie zu lange ruht. Verstärken heißt, der Erinnerungs-Oszillator festigt seine innere Struktur, um beim nächsten Aufrufversuch zuverlässiger zünden zu können. Verantwortlich dafür zeichnen Schaltknoten im Gehirn, sogenannte Synapsen, die mit einer schon ausführlich erforschten Lernfunktion ausgerüstet sind. Bis zu 10.000 von ihnen versuchen ständig, ein einzelnes Neuron aufzuladen, damit es bestimmungsgemäß feuert (Link zu schwingendem Neuronen-Oszillator).

Zusätzlich vernetzt sich jeder Oszillator während seiner Feuerzeit mit anderen aufgerufenen Assoziationen. Damit wird er so wie eine prominentere Webseite immer öfter aufgerufen.

Emotionale Achterbahnfahrten

Die zweite Eigenschaft kennen wir ebenfalls. Sie besteht aus jenen Emotionen (Gefühlen), die gern als Gedanken-Störfeuer gebrandmarkt werden. Auch wissenschaftlich vegetierten sie bis heute weit abseits des sogenannten »Forschungs-Mainstreams« und werden nur allzu eifrig als nutzarme urzeitliche Anhängsel verunglimpft.

Tatsächlich aber bilden diese Emotionen neben den Oszillatoren das spürbare Rückgrat unseres Denkvermögens. Bereits jedes unbekannte Objekt erzeugt ein ungutes Gefühl, das sich erst aufhellt, nachdem der Erinnerungsoszillator dafür gezündet hat. Und gleich anschließend folgt eine weitere Emotion. Sie trifft uns angenehm oder niederschmetternd. Je nachdem, ob sich das Objekt als Liebesbrief oder als Rechnung vom Finanzamt entpuppt.

Spürbare Emotionen warnen schon, bevor wir eine Situation bewusst realisieren. Quietschende Reifen zum Beispiel treiben uns augenblicklich mit einem Emotionsstoß zur Flucht, lange bevor wir die Situation bewusst erfasst haben. Ein Zeichen dafür, dass Emotionen bereits in den Erinnerungs-Oszillatoren gespeichert sein müssen. Natürlich nur indirekt über Nervenschaltungen zum sogenannten limbischen System mit seinen Emotionszentren. Gespeichert sind jene Emotionen, die während der Geburt eines Oszillators, also während des Lernens, unsere Befindlichkeit prägten.

Auch jede Denkoperation beginnt mit einem unguten Gefühl, der Zweifelemotion. Sie entsteht, wenn die aufgerufenen Assoziations-Oszillatoren keinen Konsens finden. Das heißt physiologisch, nicht synchron feuern. Die Zweifelemotion sorgt dabei nicht nur für Aufregung, sondern auch dafür, dass Oszillatoren schneller feuern. Damit zünden sie weitere neue Erinnerungen, in denen möglicherweise die Lösung enthalten ist.

Doch auch jeder neu aufgerufene Oszillator verbreitet neben seiner Erinnerungsbotschaft gespeicherte Emotionen. Deshalb eskaliert Denken schnell zu einer emotionalen Achterbahnfahrt. Viele Zeitgenossen scheuen diese »anstrengende« Gehirnarbeit. − Erst wenn alle bewusstseinsnahen Oszillatoren synchron feuern, passen sie auch zusammen und führen mit einem guten Gefühl zur angestrebten Entscheidung.

Das gute Gefühl entsteht einmal aus den besagten, in Erinnerungen gespeicherten Emotionen, andererseits auch durch die Art, wie Oszillatoren miteinander schwingen. Schwingen sie synchron, also im Takt, dann entstehen positive Emotionen, schwingen sie nicht im Takt, also taktlos, durcheinander, dominieren negative Gefühle wie die erwähnten Zweifelemotionen.

Synchron schwingen Oszillatoren miteinander, wenn ähnliche schwingende Gedächtnisinhalte sich untereinander ergänzen. Ähnlich einer karnevalistischen Schunkelrunde, in die Menschen gern fröhlich eintreten.

Fast einen Beweis für diese Entscheidungsdynamik liefern unsere Empfindungen für Musik. Ihre synchronen Schallwellen setzen sich im Gehirn über einen Umweg als synchron schwingende Oszillatoren fort. Oder auch asynchron, wenn falsch gestimmte oder fahrlässig gespielte Violinen mitmischen. Dann verschließen wir die Ohren und verzerren das Gesicht. Schmelzen aber glücklich dahin, wenn die Partitur fehlerfrei aus richtig gestimmten Instrumenten erklingt.

Um jedoch vollends glücklich zu sein, müssen wir die Melodie bereits kennen, denn erst unsere Erinnerungsoszillatoren vollenden die synchron sich im Gehirn ausbreitende Harmonie aller Schwingungen. – Kein Wunder also, wenn Menschen sowie Tiere weltweit Musik lieben, denn Glück ist, physiologisch gesehen, ein Zustand mit allseits synchron schwingenden Oszillatoren im Gehirn.

Zu den Emotionen stellte António Damásio bereits vor etwa 50 Jahren seine »Theorie der somatischen Marker« auf. Leider haben sich Neurowissenschaftler bisher zu wenig bemüht, diese Erkenntnisse mit den vorliegenden wissenschaftlichen Ergebnissen abzugleichen. Die Denkweise unserer Gehirne wäre heute längst allgemeines Gedankengut.

Emotionen sind also keine freundlichen Beigaben einer wie auch immer gearteten Schöpfungsinstanz. Auch keine entbehrlichen Überbleibsel aus evolutionären Reptilienzeiten, sondern lebensnotwendige Steuerelemente. Erst sie ermöglichen uns schnelle, mitunter lebensrettende Entscheidungen unter Würdigung aller im jeweiligen Gehirn enthaltenen Informationen. Damit erweitern sie unseren Bewusstseinshorizont. – Eine geniale Evolutionsleistung die schon etwa 500 Millionen Jahre lang tierische Nervensysteme prägt.

Signalverarbeitung im Gehirn?

Nur mit jener, von Oszillatoren moderierten Symbiose zwischen Ähnlichkeiten und Emotionen lässt sich erkennen, wie unsere Gehirne ganzheitlich funktionieren. Für datenartige Signalverarbeitungen sind unsere Gehirne nicht ausgerüstet. Kein Wunder, wenn bisher alle wissenschaftlichen Gehirnfunktionsdeutungen schon im Keim erstickten.

Deshalb müssen wir uns von der in Forschungsberichten immer wieder geäußerten Vorstellung lösen, dass unsere Gehirne irgendwelche Signale computerähnlich verarbeiten. Die dafür notwendigen logischen Prozesse, verbunden mit dem Auffinden aller nur denkbaren Informationen als Erinnerungen, wären entschieden zu lang, um schnelle Entscheidungen treffen zu können. Arbeiten doch biologische Schaltkreise milliardenfach langsamer als jene in Computern.

Außerdem reicht die für Menschengehirne verbleibende Evolutionszeit von ca. 6 Millionen Jahren nicht aus, um gegenüber den sonstigen Säugetieren einen derartig großen Entwicklungsabstand zu erreichen.

Gehirnforscher sind möglicherweise in ihrer Apparatetechnik sowie im unglaublich vielschichtigen, vielfach aber nur pixelhaftem Wissen, gedanklich zu sehr gefangen. Denn trotz aller seit etwa 30 Jahren geschürten Hoffnungen auf scheinbar bahnbrechende Enthüllungen, liegt dafür bis heute keine Lösung vor. Keine Lösung, die offenbart, wie unsere Gehirne lernen, erinnern, denken und entscheiden. Mit der Vorstellung von nebensächlichen Emotionen und signalverarbeitenden Neuronennetzen wird dies auch so bleiben.

Die vorstehenden Beschreibungen zeigen, dass unsere Gehirne zwar komplex arbeiten, doch immer nach den einfachen Regeln von ganzen zwei Phänomenen – der von Oszillatoren moderierten Symbiose zwischen Ähnlichkeiten und Emotionen. − Sie reichen aus, um wiederum allen sozial wirksamen Lebenselementen neue erstaunliche Bedeutungen beizumessen. Bedeutungen, die eine begründete Hoffnung verleihen, der Erfolgsgerechtigkeit sowie der Chancengleichheit entscheidend näherzukommen.

Fazit: Menschliche Gehirne können nur emotional entscheiden. Dabei verarbeiten sie keine Signale, sondern bewerten Erinnerungen gemeinsam mit aktuell anstehenden Ereignissen. Ihre Arbeitsweise unterscheidet sich kaum von jener in Rattengehirnen. Menschengehirne verfügen lediglich über mehr Lernzeit, mehr Speichervolumen sowie Trainingsmöglichkeiten mit freien Händen und stimmlicher Kommunikation.

Inächsten Titel erfahren Sie, wie aus Entscheidungen Gewohnheiten entstehen und weshalb falsche Vorbilder den Erfolg verderben.

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Kommentare zu ergänzenden Berichten

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Unsere Gehirne denken sogar öffentlich, wir müssen es nur spüren lernen. Danach kann jeder seinem Gehirn das "DU" anbieten.

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Kommentare: 1
  • #1

    Olaf Gläser (Montag, 20 Juli 2015 20:26)

    So einfach habe ich mir die Funktionsweise des Gehirns nicht vorgestellt. Aber es scheint alles so abzulaufen, wie geschrieben. Danke für die Aufklärung.