Irrtum Lernen - Die wichtigsten Lernfaktoren unterschlagen?

Aus der Serie: Irrtümer zum Gehirn

Bis zu 20 Jahre unseres Lebens verbringen wir mit befohlenem Lernen. Die Schulzeit ohnehin, gefolgt von der »freiwilligen« Berufsausbildungszeit. Doch ein attraktiver Berufswunsch führt auch während der Ausbildung zur Lernplage.

Obendrein verbreitet sich die hoch »gelobte« Wissensgesellschaft. Sie will uns zum lebenslangen Büffeln verpflichten. Dabei verdoppelt sich allein das schriftlich niedergelegte Wissen alle 4 Jahre. In zehn Jahren wird demnach 6-mal so viel davon zu lesen sein. – Wer bitte soll das noch lernen? Schuld daran sind die Wissenstreiber, die gedankenlos immer mehr Gesetze, Verordnungen, Richtlinien, Betriebsanleitungen, Formulare und dergleichen verordnen. Ganz abgesehen von der sich aufblasenden Bürokratie im Schlepptau der Wissensblähung. Ich fürchte, dass diese Explosion des Scheinwissens noch anhält, wenn auf der Welt überhaupt kein neues Wissen mehr entsteht.

Quelle: Karlsruhe entdecken
Quelle: Karlsruhe entdecken

Zum Link auf dem Bild: In Schulen soll der neue Lerngeist als Essenz aus der jüngsten Gehirnforschung einziehen. Als Vorreiter präsentiert sich die Region Troisdorf im Rhein-Sieg-Kreis. 400 Lehrer aus der Region beteiligten sich bereits an der Weiterbildung im »Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen« an der Universität Ulm. Sie sollen vom Lehrer zum Coacher aufsteigen. – Doch welche Erkenntnisse aus der Gehirnforschung geben neue Anstöße? Bei genauerer Betrachtung gibt es nur die alten Lehrmethoden in neuer Verpackung. Informieren Sie sich mit Klick auf das Bild.

Dass Kinder in angenehmer Atmosphäre, unter möglichst wenig Stress alle als positiv und wertvoll erachtete Lerninhalte schneller lernen, wissen wir bereits seit Jahrzehnten. Die Moderatorfunktionen von Lehrern in Lerngruppen haben bisher ebenfalls keinen Durchbruch geschafft. Ganz zu schweigen von der pädagogischen Irrfahrt durch das »Land« der antiautoritären Erziehung (siehe unten). – Was bleibt also zu tun?

Erkenntnisse aus den Oszillatorfunktionen des Gehirns spenden nicht nur vielversprechende Ansatzpunkte. Ihre Anwendung ist zwingend, wenn wir unsere Kinder nicht der völligen Orientierungslosigkeit preisgeben wollen. – Hier drei ausgewählte, wie ich sie bisher nur sehr verhalten entdecken konnte.

1.             Lerninhalte minimieren sich, wenn sie von Erkenntnissen getragen werden.

2.             Die Motivation zum Lernen wächst mit dem Ansehen des Lehrers.

3.             Charakterunterschiede bedeuten auch verschiedene Motivationen.

Zu 1:  So erspart uns beispielsweise die Erkenntnis, dass alle Körper zu Boden fallen das Lernen einer Unmenge an Gegenständen. Allein die Grundrechenarten vereinfachen praktisches und theoretisches Erfassen der Umwelt um Längen. Konsequent angewendet bedeutet dies: Die Schule muss sich vom Lernort zum Erkenntnisort wandeln.

Jede Erkenntnis belohnt unser Gehirn mit einem guten Gefühl. Denn es begreift, dass wieder ein lebenslang haltbarer Baustein die Kompetenz erweitert, während reines Wissen nur mit arg begrenzter Haltbarkeit aufwartet. Das gilt sowohl für Präsenz im Gedächtnis, als auch für die Gültigkeit des Wissens selbst. Nach einer Unesco-Studie von 1998 verliert selbst Universitätswissen seine Brauchbarkeit durchschnittlich nach 5,5 Jahren.

Allerdings werden Erkenntnisse im Gehirn nur durch Denken gebildet. Denken, um innere Zweifel auszuräumen. Das Denken in Erkenntnissen ist uns jedoch im Getöse unserer lauten Welt fast abhanden gekommen. Schuld daran ist das Übermaß an scheinbar unverzichtbaren Lerninhalten aus dem Schulbetrieb sowie den Medien. Mehr Erkenntnisse zu den Lerninhalten könnten die Wissensflut erheblich schneller bewältigen und gleichzeitig Orientierung schaffen.

Zu 2:  Nachmachen, Ansichten sowie Handlungsweisen übernehmen; das ist die heute am Weitesten verbreitete Lernart. Es bleibt jedoch die Frage: Wem eifern Kinder nach. – Aus dem Buch geht es einwandfrei hervor: Wir übernehmen Lerninhalte, Ansichten und Handlungsweisen von den Menschen, die wir am meisten anerkennen. Bestenfalls sind es Lehrer und Eltern, oft jedoch zweifelhafte Figuren aus Medien und Computerspielen.

Jetzt ahnen Sie sicher auch, weshalb ich von der »pädagogischen Irrfahrt durch das Land der antiautoritären Erziehung gesprochen« habe. Im Buch werden Sie erfahren, dass nicht das autoritäre Auftreten, sondern die Anerkennung als Autorität ausschlaggebend ist.

Zum Link auf dem Bild: Artikel über Lehrerfrust finden Sie haufenweise. Bisher las ich jedoch keinen einzigen, der auch die Ursachen dafür offenlegte. Immer wieder dieselben Klagen: Zu große Klassen, schwierige Schüler, desinteressierte Eltern. Und vor allem, der Schrei nach mehr Geld vom Steuerzahler. – Das kann nicht die Lösung sein, denn sie fußt auf den falschen Ursachen.

Das Ansehen der Lehrer wird jedoch heute von der Gesellschaft oft verbal mit Füßen getreten, sodass Lehrer immer öfter Stress, Verdruss oder gar Burn-out spüren. Gleiches gilt für Eltern. – Doch Kinder fahnden verzweifelt nach vertrauenswürdigen Menschen, denen sie mit ihrer Anerkennung auch ihre Zugeigung entgegenbringen können. Lassen wir sie nicht im Stich!

·   Zu 3: Unterschiedliche Charaktere, so werden Sie im Buch erkennen, bilden sich zu einem hohen Prozentsatz zweifelsfrei aus der äußeren Attraktivität heraus. Je nachdem, ob diese Attraktivität aus Größe, körperlicher Durchsetzungsfähigkeit (Stärke) oder sogar Schönheit erwächst, entstehen bestimmte Menschentypen, die auf Lernmotivationen unterschiedlich reagieren (siehe dazu auch »Irrtum Charakter«).

Ja, sie lernen sogar unterschiedlich, was aber nicht bedeutet, dass attraktive Kinder die besseren Lernvoraussetzungen haben. Das Buch gibt Ihnen hier nicht nur Erkenntnisse, sondern auch praktische Hinweise zum Umgang mit verschiedenen Menschentypen.

Was für Schüler gilt, gilt natürlich auch für Erwachsene, damit die Wissensgesellschaft uns nicht noch den letzten Lebensfreiraum entwendet. Dazu auch der Textauszug aus dem Buch.

Das Buch Kindererziehung von Barbara Zimmermann bei www.bambiona.de greift einige der hier angeklungenen Gedanken auf. Ein wirklich lesenswertes Kurzbuch für alle Eltern und jene, die es werden wollen. 

Barbara Zimmermann beleuchtet in diesem kostenfreien Buch auch Sinn und Unsinn antiautoritärer Erziehung.

 

Ergänzender Original-Textauszug aus dem Buch.

Kapitel:            5     Erfolgsschranken öffnen

Titel:                5.1  Auszug aus den Erfolgsruinen

Thema:           Erkenntnisse über Erkenntnisse

……Manfred Spitzer, Neurodidaktiker und Buchautor aus Ulm, der bekannteste Gehirnwissenschaftler im deutschen Sprachraum, pflegte in seinen Vorträgen ein oft zitiertes Beispiel:

Da die Welt regelhaft ist, brauchen und müssen wir uns nicht jede Einzelheit merken. Hätten Sie jede Tomate, die Ihnen je begegnete, als jene ganz bestimmte Tomate abgespeichert, dann hätten Sie den Kopf voller einzelner Tomaten.

Hier ist es noch einfach, kein Mensch wird je auf die Idee kommen, sich jede einzelne Tomate zu merken, denn die Verfallszeit dieses Wissens beträgt maximal eine Woche. – Sie hatten bereits in frühen Kinderjahren die Erkenntnis, dass Tomaten untereinander sehr ähnlich sind. Damit reicht es, den Fruchttyp zu erkennen. Ihr sogenannter Tomaten-Oszillator wird bei jeder noch so schrumpelig aussehenden Tomate sicher anspringen und die Identifikation Ihrem Bewusstsein melden – also die Erkenntnis auswerten.

Erkenntnisse ersparen dem Gehirn enorme Zeit und enorme Energie. Damit überbrücken sie stupides Lernen, schenken Freude, Kompetenz und vor allem – Selbstwertgefühl.

Erkenntnisse über Erkenntnisse

Mit weniger als einem Jahr saß Andreas, unser ältester Sohn, am Frühstückstisch auf dem Hochstuhl. Natürlich wollte er seinen Eltern nacheifern und seine Suppe selbst löffeln. – Als dann aber der erste Löffel scheppernd den Fliesenboden erreichte, verschlug es uns fast die Sprache. Doch das war nur der Anfang! Begeistert jauchzend schubste er auch den zweiten Löffel, seine Milchtasse und fast sogar den ganzen Suppenteller über den Tischrand! – Was war passiert? Andreas hatte eine Erkenntnis gewonnen: »Alle Gegenstände fallen vom Tisch auf den Fußboden.« Ein für sein Gehirn unvergessliches Erlebnis, obwohl er sich daran nicht mehr erinnert. Sein Gehirn aber reagierte mit Freude und gesteigertem Selbstwertgefühl. Kein Wunder, denn es erspart sich bis heute das Lernen jener Abertausend nach unten fallenden Gegenstände. – Das Prinzip dafür reicht.

Doch was unterscheidet eine Erkenntnis von reinem Wissen? Hier streiten sich nicht nur Gelehrte. In Wikipedia steht: „Eine Erkenntnis ist das Ergebnis eines durch Einsicht oder Erfahrung gewonnenen Wissens.“ Das erscheint mir sehr unscharf, kennzeichnet aber jede Erkenntnis bereits als intelligente Sonderform des Wissens. Außerdem ist eine Erkenntnis kein Wissen, sondert steht eindeutig darüber.

Hilfreicher für unsere Zwecke scheint mir: »Jede Erkenntnis bildet den Kristallisationspunkt für mehrere untereinander ähnliche Wissensinhalte (E32 Denkprinzip Ähnlichkeit S.98).« – So wie die Tomaten von Manfred Spitzer. Die ähnlichen Wissensinhalte bestehen hier aus den einzelnen Tomaten. Die Erkenntnis sagt, wie Tomaten aussehen, schmecken und wie lange sie frisch bleiben.

Die größte Erkenntnisquelle unserer Kultur jedoch heißt Mathematik. Können Sie sich vorstellen, die Äpfel aller vollen Kisten in einem Lastwagen zu zählen? Ich jedenfalls nicht. Auch Sie würden Äpfel nur in einer Kiste zählen, um dann diese Zahl mit der Zahl aller Kisten zu multiplizieren. Als Erkenntnisquelle dienen hier die Grundrechenarten. Das gesuchte Wissen ist die Zahl aller Äpfel. Mit dieser Erkenntnisquelle lassen sich natürlich nicht nur Äpfel berechnen, sondern auch Tomaten, Schrauben oder Euros beim Einkauf im Supermarkt. Und es spart viel Zeit sowie die dazu notwendige Energie.

Ganz nebenbei entstanden aus diesem Beispiel heraus einige Erkenntnisse darüber, wie sich Wissen von Erkenntnissen unterscheidet. ……

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